Wie wir leben

Evangelium leben – Fussspuren Jesu folgen

Die erste öffentliche Botschaft Jesu lautet: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Für Franz von Assisi wurde diese Botschaft zum Programm seines Lebens. In seinem Testament beschreibt er, dass Gott ihm ein Leben der Umkehr geschenkt hat. (vgl. Test 1) 

Umkehr beginnt nicht mit Angst, sondern mit Dankbarkeit. Wer erfährt und annimmt, dass er von Gott geliebt ist, möchte sich dieser Liebe zuwenden. (vgl. NbR 23) 

Deshalb legte Franziskus für sich und seine Brüder fest: Regel und Leben ist es, das heilige Evangelium zu beobachten – den Fussspuren Jesu zu folgen (vgl. NbR 1,1; BR 1,1). Als Gemeinschaft versuchen wir, dies im Alltag zu leben: immer wieder neu aus Dankbarkeit umzukehren und die Freude des Evangeliums verkünden. Der heilige Franziskus sagte daher: „Selig jener Ordensmann, der nur an den hochheiligen Worten und Werken Gottes seine Wonne und Freude hat und dadurch die Menschen in Fröhlichkeit und Freude zur Liebe Gottes hinführt.” (2 Cel 105)

Armut

Franziskus war immer wieder zutiefst berührt von der bedingungslosen Liebe, die Gott uns schenkt: „Gott, der Reiche erwählte in der Welt die Armut mit der seligsten Jungfrau Maria.“ (2 Gl 1,5) Gerade im Blick auf die heilige Eucharistie bringt er dieses Staunen zum Ausdruck, wenn er schreibt:

„O wunderbare Hoheit und staunenswerte Herablassung! O erhabene Demut! O demütige Erhabenheit, dass der Herr des Alls, Gott und Gottes Sohn, sich so erniedrigt, dass er sich zu unserem Heil unter der anspruchslosen Gestalt des Brotes verbirgt.“ (Ord 2,27)

Franziskus hatte eine grosse Liebe zur heiligen Eucharistie, weil Gott, der Allmächtige, sich darin so zerbrechlich und arm macht, um sich uns ganz zu schenken. (vgl. Ord 2, 29) Aus diesem Staunen, aus dieser Freude und von dieser Liebe bewegt, ermutigt Franziskus auch die Brüder, nichts für sich zurückzubehalten, sondern sich ganz Gott zu schenken. Das heisst: den von Gott geschenkten Reichtum, das eigene Leben, die Talente und Begabungen sowie alles Gute nicht festzuhalten, sondern weiterzuschenken – so, wie Gott es selbst in seiner Liebe getan hat und immer noch tut (vgl. Erm 18,2).

Franziskus folgt dabei auch dem tiefen Gedanken des Apostels Paulus, der schreibt: „Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen.“ (2 Kor 8,9)

Die franziskanische Armut fordert also uns Brüder immer wieder neu heraus, den Reichtum Gottes weiterzuschenken, ohne Eigentum und einfach zu leben. Deshalb sind wir auf den Strassen unterwegs und begegnen den Armen in den unterschiedlichen Formen unserer heutigen Zeit. Ebenso schätzen wir die Feier der heiligen Messe und die eucharistische Anbetung, in denen Gott sich uns in Armut schenkt und gegenwärtig ist. Neben dem persönlichen Gebet und dem gemeinsamen Stundengebet ist es unser Fundament für unser Dienen. 

Brudersein – Leben in Gemeinschaft

Franziskus schreibt in seinem Testament, dass der „Herr ihm Brüder gegeben hat“ (Test 14). Zu Beginn wollte er nämlich gar keinen Orden gründen. Seine Brüder hatte er sich nicht ausgesucht. Gerade deshalb war es ihm ein grosses Anliegen, dass alle untereinander Brüder sind, denn es gibt nur einen Meister – Jesus Christus (vgl. Mt 23,8). Das ist bis heute so: Wir sind Brüder und leben in der Schweiz in kleinen Gemeinschaften. In jeder Gemeinschaft gibt es einen Oberen, den Guardian. Er wird alle drei Jahre beim Kapitel, der Zusammenkunft aller Brüder in der Schweiz, bestimmt. Ebenso wird dort der Obere der gesamten Gemeinschaft in der Schweiz gewählt, der Kustos.

Im Lobpreis auf den Schöpfer entdeckt Franziskus noch weitere Brüder und Schwestern. Im Sonnengesang nennt er zum Beispiel das Wasser Schwester, die Erde Mutter und Schwester, ebenso die Sonne oder den Wind Bruder. Franziskus stellt damit seine Mitwelt bewusst in Beziehung zu Gott. Alle Geschöpfe verweisen auf ihn und dürfen deshalb nicht auf blosse „Gebrauchsgegenstände“ reduziert werden, sondern verdienen Achtsamkeit und Wertschätzung.

Franziskus weiss sich eingebunden in alles Geschaffene und steht auch gerade dadurch in der Beziehung zu Gott und der Schönheit, die Gott in dieses Geschaffene hineingelegt hat. Auch wir versuchen, dies in unserem Leben zu beherzigen: immer wieder neu die Schönheit der Schöpfung Gottes zu entdecken und ihr dankbar und verantwortungsvoll zu begegnen.

Verkündigung als Minderbruder

Als „minderer Knecht“ bezeichnet sich Franz von Assisi in einem Brief an die Gläubigen (vgl. 2 Gl 13,87). Ebenso legt er in seiner Regel fest, dass die Brüder „Mindere Brüder“ heissen sollen (vgl. NbR 6,3). Franziskus bezieht sich dabei auf jene Szene im Evangelium, in der Jesus den Aposteln die Füsse wäscht (vgl. NbR 6,3–4).

Verkündigung der Frohen Botschaft und des Glaubens geschieht daher in Demut, im sogenannten Mindersein. Jesus ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzuzugeben als Lösegeld für viele (vgl. Mk 10,45). Warum sollten wir anders sein? Umso mehr sind wir gerufen, uns zu bücken und – wie Jesus – zu dienen: durch unser Tun und Leben zu predigen (vgl. NbR 17,3), ebenso auch durch unsere Worte (NbR 16, 7). Verkündigung als Minderbruder leben wir daher im Alltag auf unterschiedliche Weise:

-Auf der Strasse und damit in Begegnungen mit ganz verschiedenen Menschen – obdachlos oder suchend, reich oder arm. Herzliche Einladung zum Zeit schenken und bei unserer Seite von unserer Gassenarbeit vorbeizuschauen!

-In der Seelsorge, Verkündigung und geistlichen Begleitung.

-In der Jugendarbeit, die uns besonders am Herzen liegt: jungen Menschen die Schönheit und Freude des Glaubens näherzubringen, zum Beispiel durch eine vertiefte Fastenzeit, die Mehrwoche am Meer, eine Fusswallfahrt nach Assisi und vieles mehr.

-Im gemeinsamen Beten und Feiern mit Menschen verschiedener Generationen, etwa in der Ankerzeit, im 40-stündigen Gebet, beim Barmherzigkeitstag (Anbetungstag)...

-Im Sammeln von Spenden für Projekte von verschiedenen Brüder und Schwestern der franziskanischen Familie in der ganzen Welt (Franziskaner helfen)

- In den vielen alltäglichen Diensten und Begegnungen, die zum Leben jedes Bruders gehören.

Letztlich ist die franziskanische Mission eine Friedensmission. Der heilige Franziskus sagt dazu:

„Und wenn wir sehen oder hören, dass Menschen Böses reden oder tun oder Gott lästern, dann wollen wir Gutes sagen und Gutes tun und Gott loben, der gepriesen ist von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ (NbR 17)

Pilger und Fremdling

Franziskus nannte uns Brüder „Pilger und Fremdlinge“ (BR 6,2), weil auch Jesus keinen Ort hatte, an dem er sein Haupt hinlegen konnte (vgl. Mt 8,20; Lk 9,58). Das bedeutet für uns: Wir leben nicht ein Leben lang an einem Ort, sondern wechseln unsere Orte innerhalb der Schweiz. Derzeit leben wir an vier Standorten, was sich jedoch immer wieder ändern kann.
Diese Beweglichkeit gehört zum Charisma unseres Ordens und ist zugleich ein Ausdruck unseres Armutsgelübdes. Wir lassen uns an verschiedenste Orte und zu unterschiedlichsten Menschen senden. In dieser Haltung liegt eine besondere Freiheit: die Freiheit, sich immer wieder neu auf Gott einzulassen, ihm Raum zu geben, weil er wachsen lässt und sich auf das Abenteuer der Nachfolge führen zu lassen.

Als Glieder der Kirche leben (vgl. 1 Kor 12, 12-30)

In den Schriften des heiligen Franziskus wird immer wieder deutlich: Wir sind nicht die Schöpfer der Kirche, sondern Gerufene – berufen, Glieder der Kirche zu werden und als solche zu leben. Die Kirche beginnt nicht durch menschliche Klugheit, sondern durch den Ruf Jesu (vgl. Mt 4, 18-22, Mk 1, 16-20; Mk 2, 13-14, Lk 6, 12-16, Joh 1, 43-51) Diesen Ruf hörte Franziskus auch selbst, als er in der Kirche San Damiano betete:
„Franziskus, geh hin und stell mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen ist!“ (2 Cel 10) Deshalb betont Franziskus immer wieder, wie wichtig es ist, in der Kirche zu stehen und mit ihr verbunden zu sein. In seiner Regel schreibt er:
„Dies ist die Lebensweise des Evangeliums Jesu Christi, die Bruder Franziskus vom Papst erbeten hat, dass sie ihm gewährt und bestätigt würde. Und jener gewährte und bestätigte sie ihm und seinen Brüdern, den damaligen und den zukünftigen. Bruder Franziskus und wer immer Haupt dieses Ordens sein wird, verspreche Gehorsam und Ehrerbietung dem Herrn Papst Innozenz und dessen Nachfolgern.“ (NbR Prolog, 2-3) Auch in seinem Testament (vgl. Test 4) erinnert Franziskus die Brüder eindringlich daran. Er bittet sie, katholisch zu sein, katholisch zu leben und katholisch zu verkünden. (vgl. NbR 19,1–4)
Für Franziskus beschränkt sich die Gemeinschaft der Kirche nicht nur auf die Kirche auf Erden, sondern schliesst auch die himmlische Kirche ein. Die Beziehung zu Maria, den Engeln und den Heiligen war ihm daher sehr wichtig. In Maria sah Franziskus die franziskanische Armut auf besondere Weise begründet: Durch sie erwählt Gott die Armut als seine irdische Existenzform (vgl. 2 Gl 4).
Der Kontakt zu Maria, etwa im Fürbittgebet, mindert für Franziskus nicht die Beziehung zu Christus – im Gegenteil: Er führt zu Christus hin (vgl. Joh 2,1–12).