Wenn ich daran denke, wie ich allmählich, in einem längeren Prozess, zur Gewissheit meiner Berufung kam, dann kommt mir das Bild vieler Rinnsale in den Sinn, welche sich allmählich zu einem Strom entwickelten. Es waren weniger die spektakulären Ereignisse, schon gar nicht Ekstasen, welche mich auf diesen Weg führten, sondern alltägliche Erfahrungen, durch die ich lernte, auf eine innere Stimme zu hören. Ich bin in einer fromm katholischen Familie gross geworden. Der Sonntagsgottesdienst war Pflicht, ohne dass er in mir grosse Begeisterung ausgelöst hätte. Als Ministrant war ich so zerstreut, dass es immer wieder zu kleineren Pannen kam, welche prompt eine Rüge des Sakristans zur Folge hatten. Aber dann gab es wie gesagt diese anderen Momente. Schon früh wurde ich eingesetzt, um in der Molkerei Milch für unsere Familie zu holen. Etwas unwillig unterbrach ich jeweils mein Spiel und machte mich mit dem Milchkännchen auf den Weg. Eines Tages entdeckte ich, noch heute sehe ich vor meinem inneren Auge die Stelle, dass das Milchholen sich veränderte, wenn ich es «aus Liebe» zu den andern und zu Gott tat.
Hinzu kamen die Zwiegespräche mit Gott allein in meinem Zimmer vor dem Einschlafen. Ich lag still in meinem Bett und schaute zur Decke meines Zimmers empor, welche vom Licht der Strassenlampen schwach erleuchtet wurde. Sobald ich begann, Gott zu erzählen, was ich an diesem Tag erlebt hatte, spürte ich seine sanfte, milde Gegenwart. Er hörte mir zu! Dies war für mich eine so tiefe Erfahrung, dass ich beschloss, sie so oft als möglich zu wiederholen. Und zu besprechen, gab es ja wahrlich viel in dieser Zeit der Primarschule! So in der fünften Primarklasse las ich einige Bücher über Helden und Heilige. Die abenteuerlichen Reisen der Missionare hatten es mir besonders angetan. Als meine Eltern sich einer Gebetgruppe der «Erneuerung aus dem Geist Gottes» anschlossen, beteten wir auch gemeinsam in der Familie, was sich mir tief einprägte.
Die behütete, fromme Umgebung bewirkte in mir jedoch auch einen ebenso tief sitzenden Freiheitsdrang. Ich wollte die Welt kennen lernen und, ja, meine Berufungsentscheidung wollte ich möglichst unabhängig von meiner Familie fällen. Wenn ich gefragt wurde, welchen Beruf ich einmal wählen möchte, wich ich der Frage aus oder gab den Lehrerberuf an. Tatsächlich hätte ich mir gut vorstellen können, einmal eine Familie zu gründen und als Lehrer für meine Schüler da zu sein. Aber die Ahnung, dass es ein «Mehr» in meinem Leben geben könnte, dem ich vielleicht später nachtrauern würde, wenn ich nicht auf diese innere Stimme hörte, hielt sich hartnäckig in mir. Daher stöberte ich, sonntagvormittags während der Gymnasialzeit, wenn niemand es bemerkte, in dem Büchergestell, in welchem mein Vater seine religiösen Bücher aufbewahrte. Fasziniert las ich in den Tagebüchern des Trappistenmönchs Thomas Merton und nahm so innerlich an seinem geistlichen Suchprozess teil. Zwar kam ich in dieser Zeit durch das Buch «Legenden und Laudes» von Otto Karrer mit dem Leben von Franz von Assisi in Berührung, aber das franziskanische Virus wurde mir erst später durch einen franziskanisch inspirierten Diözesanpriester aus Deutschland eingepflanzt. Mein Vater pflegte einen Briefkontakt mit einem Gefangenen in Deutschland, welcher zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden war. Als mein Vater ihn in Ziegenheim in Deutschland besuchte, stellte dieser ihm den Gefängnispfarrer mit den Worten vor: «Dies ist der einzige Mensch, dem ich vertrauen kann. Der ist ein echter Kerl!» Als dieser Priester kurz darauf das erste Mal unsere Familie in der Schweiz besuchte, erzählte er davon, dass er jedes Jahr mit einer Schar Jugendlicher zu Fuss und ohne vorbestellte Unterkünfte zu einem Wallfahrtsort pilgern würde. Er fragte mich, ob ich an einer solchen Pilgerfahrt interessiert wäre. Und so machte ich meine ersten urfranziskanischen Erfahrungen zu Fuss mit einer Jugendgruppe, unterwegs nach Flüeli, Ars, Rom und Lisieux: ohne feste Unterkunft, im Vertrauen auf Gottes Vorsorge, jeden Tag durch das Wort Gottes neu belebt. Es waren diese «Wagnisse im Glauben», welche mir die Augen öffneten für das, was Gott einem schenken kann, wenn man sich tatsächlich seinen Verheissungen anvertraut. Übrigens ging es auf diesen Pilgerfahrten nicht nur fromm zu und her. Jeden Abend berechneten wir unsere «Pilgerpunkte», indem wir Blasen mal Kilometer mal Gewicht des Rucksackes multiplizierten. Einmal zogen wir mit dem Studentenlied «Ein Hund kam in die Küche» in ein kleines italienisches Dorf ein. Da die Bewohner sofort dem Pfarrer meldeten, eine besonders fromme Pilgergruppe sei in singender Prozession im Dorf angelangt, wurden wir äusserst gastfreundlich in seinem Haus aufgenommen.
Nach der Matura machte ich zwei Zwischenjahre, um Sprachen zu lernen und verschiedene Erfahrungen zu sammeln. So arbeitete ich in einer Fabrik für Medizinaltechnik und machte ein Praktikum in einer Psychiatrieklinik. Als ich in dieser Zeit Assisi zum ersten Mal besuchte, kam ich sehr schnell mit verschiedenen franziskanischen Brüdern und Schwestern aus aller Welt in Kontakt. Eine Vorahnung, dass es möglich ist, mit ganz verschiedenen Menschen aus verschiedenen Kulturen allein durch die franziskanische Spiritualität verbunden zu sein, erwachte in mir. Gegen Ende des zweiten Zwischenjahrs nach der Matura meldete ich mich bei Bischof Mäder in St. Gallen als Priesteramtskandidat, betonte aber, dass ich mir auch gut vorstellen könne, in einen Orden einzutreten. Daher nahm ich als Theologiestudent an der Theologischen Hochschule in Chur auch regelmässig an den Veranstaltungen der Kontaktgruppe IKB teil, welche von dem Franziskaner Br. Gottfried Egger als ihrem Assistenten begleitet wurde. In dieser Zeit wuchs der Wunsch in mir, in einen Orden einzutreten. Aber die Zeit schien mir noch nicht reif dazu.
Als ich mein Auslandjahr als Theologiestudent in Rom verbrachte und zwischen der Universität Gregoriana und der Arbeit mit Randständigen, zusammen mit der Gemeinschaft S. Egidio, hin und her pendelte, spürte ich, wie das Wort Gottes sich allmählich meinem inneren Leben einprägte und ihm eine Richtung gab. Während des zweiten Auslandjahres fuhr ich zwischen den beiden Studiensemestern nach Padua zum Grab des hl. Antonius und dann nach La Verna, dem Ort, an dem Franziskus seine Wundmale empfing, um meine Berufungsfrage zu klären. Endlich spürte ich, an einem verschneiten Februartag in den Tagen zwischen Karneval und Aschermittwoch, in mir ein klares Ja: Ja, ich bin zutiefst geliebt und aufgehoben in der gekreuzigten Liebe des dreifaltigen Gottes. Ja, die Antwort auf diese Liebe kann nur darin bestehen, dass ich mich dieser Liebe zurückschenke mit allen meinen Begabungen, samt meinen Ecken und Kanten. Später habe ich ihn als «Salto mortale» bezeichnet, den Umzug von Rom ins Postulat der Franziskanerkustodie in der Schweiz, welches damals in Zürich an der Hofackerstrasse 19 stattfand. Heute weiss ich, dass es ein «Salto», also ein Sprung in ein neues, spannendes, wenn auch nicht immer einfaches Leben war, welches mir bei allen Begrenzungen viel mehr Möglichkeiten zur Begegnung mit Gott und andern Menschen erschloss, als ich es mir damals in meinen kühnsten Träumen vorzustellen wagte.
Das Noviziat in Näfels zusammen mit drei anderen Novizen ermöglichte mir nicht nur viel Zeit fürs Gebet und die Vertiefung der franziskanischen Spiritualität. Hier lernte ich auch immer mehr kennen, was «franziskanischer Familiensinn» bedeutet: Anteil nehmen am Leben meiner Mitbrüder, aber auch vieler anderer Menschen, welche mit uns als Kustodie in Kontakt stehen. Dieses Anteilnehmen kann unter uns Brüdern mitunter die Form der humorvollen Provokation und des neckischen Austausches annehmen. Die praktischen Herausforderungen wie Kochen, Putzen, Gartenarbeit bewältigte ich als Novize nicht immer mit Bravour. Aber gerade die Tatsache, dass die Brüder mich wohlwollend begleiteten und in die Kunst des praktischen brüderlichen Lebens einführten, erweist sich rückblickend als sehr wichtig. Ich musste lernen solidarisch zu sein, Arbeitslasten mitzutragen, aber ich wurde nicht nur nach meinen äusseren Leistungen beurteilt. Etwa in der Halbzeit des Noviziats beschloss ein Mitnovize das Noviziat zu verlassen. So wurde mir bereits damals vor Augen geführt, dass die Entscheidung, ins Ordensleben einzutreten und darin so gut als möglich beständig zu sein, auch eine ganz persönliche Entscheidung voraussetzt. In dieser Dankbarkeit und in diesem Bewusstsein legte ich am 17. September 1989 im Franziskanerkloster Näfels meine erste Profess in die Hände des damaligen Provinzials ab. Mit uns am Professtag war Br. Max Langendörfer, ein Missionar im damaligen «Projekt Afrika». Er erzählt uns von seinen Einsätzen in Malawi, bei denen er oft stundenlang zu Fuss unterwegs war, um mit den Eingeborenen in ihren Dörfern Eucharistie zu feiern. Meine Entscheidung, in den Orden einzutreten, war in einem internationalen Kontext gefallen, nun besuchte ein Bruder aus diesem Umfeld unsere Gemeinschaft genau an meinem Professtag. Es war nicht das letzte Mal, dass ich auf meinem Berufungsweg Gottes augenzwinkernde Nähe erfahren durfte.
(Br. Albert Schmucki lebt derzeit gerade an der Generalkurie in Rom)