Frohe und gesegnete Weihnachten!

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Freunde und Verwandte, liebe Geschwister im Heiligen Franziskus,
wer mich kennt, der weiss es vielleicht: ich liebe Weihnachts-krippen. Schon seit meiner frühen Kindheit war ich mit Freude dabei, wenn unsere Messmerin Melanie bei uns in der Dorfkirche die schöne alte Krippe aufgestellt hat.

Jedes Jahr gleich, mit frischem Moos oder vielleicht wars auch das vom letzten Jahr, Stroh aus unserem Stall, denn ich bin neben der Kirche aufgewachsen und zum Schluss durfte ich mein selbstgebasteltes Lagerfeuer über die rot angemalte Glühbirne stellen, fertig. Die Figuren alle aus Gips, die Könige kamen natürlich erst am 6. Januar an die Krippe. Alles hatte seineschöne Ordnung. 

Seither ist für mich Krippenaufstellen eine Leidenschaft geworden und ich hab auch schon, zur „Freude“ meiner Mitbrüder begonnen Krippen zu sammeln. Und zu jeder gibt es eine kleine Geschichte.
Jedes Weihnachten schaue ich mir gerne überall in den Kirchen oder in den Stuben die verschiedenen Krippen an.
Im letzten Jahr ist mir eine besonders aufgefallen.

Bei einem Aushilfsgottesdienst in Walterswil, da habe ich mir letzten Weihnachten die Krippe etwas genauer betrachtet. Schon die Jahre vorher habe ich sie gesehen, aber da sie jetzt nicht so besonders künstlerisch war, hab ich sie nicht so genau angeschaut. Aber man sollte halt immer etwas genauer hinschauen.
Beim zweiten Blick auf diese Krippe ist mir aufgefallen: Da passt ja gar nichts zusammen. Ein Sammelsurium an verschiedenen Figuren. Hirten in drei verschiedenen Grössen, Maria und Josef gehören zwar zusammen, aber das
Jesuskind ist fast doppelt so gross wie die beiden. Könige gibt’s keine und irgendwann hat jemand mal noch Schafe gekauft, die aussehen, als wären sie vom Baumarkt Made in China. Und wie es bei Gipsfiguren so üblich ist, im Laufe der Zeit haben sie überall Macken bekommen. Und mittendrin das Jesuskind, überdimensional, das muss eine sehr schwere Geburt gewesen sein.
Schon mehre Jahre habe ich bei dieser Krippe den Weihnachtsgottesdienst gefeiert aber letztes Jahr hat sie mir zum ersten Mal etwas gesagt: Da passt ja gar nichts zusammen.

Alles ist ein Sammelsurium mit verschiedenen Macken. Manches alt, manches billig, vieles passend gemacht. Aber doch schön arrangiert. Was für ein Durcheinander von Leben. Und doch fand ich das im letzten Jahr schöner als jede handgeschnitzte Oberammergauer Traditionskrippe. Weil dieses Sammelsurium echt ist, wie das Leben.

Die Krippe in Walterswil ist so wie wir sind, so wie unser Leben, unsere Beziehungen, unsere Gemeinschaften sind: ein Sammelsurium, manchmal Stückwerk, zusammengewürfelt aus Erfahrungen, Siegen und Niederlagen, manchmal verschlissen und wieder repariert, schön zusammengesellt und doch nicht passend, manches gut gemeint aber halt nicht gut gemacht. Haben wir nicht auch manchmal das Gefühl, bei mir passt so gar nichts zusammen oder zumindest nicht alles passt zusammen.
Bei der Krippe in Walterswil, wie bei jeder Krippe, liegt in der Mitte das Jesuskind. Was für ein Trost, was für eine Botschaft. In der Mitte des ganzen Sammelsuriums, des ganzen Durcheinanders und der ganzen Improvisation, die wir uns in unserem Leben so zusammenbasteln, da liegt Er. Mittendrin. Der Menschgewordenen Gott. ER legt sich mittenhinein in die Unvollkommenheit, und zwar ganz bewusst. Und er sagt uns damit: „Ich weiss. Ich weiss um dich und um alles. Du brauchst mir gar nichts vorzumachen. Ich weiss alles, ich erlebe alles, ich lebe in allem mit, mit dir und für dich.

Und noch was besonderes gibt es bei der Krippe von Walterswil. Das Jesuskind liegt mit weitgeöffneten Armen da, als wolle es alle umfangen. Aber auch die Arme bzw. die Hände sind im laufe der Zeit kaputt gegangen. Jemand hat sie mit Pflaster umwickelt damit die abgebrochenen Fingerspitzen gerade noch halten. So liegt das Kind in der Krippe mit verbundenen Händen. Und ein Gebet aus meiner Kindheit kommt mir in den Sinn: „ Oh Kind in der Krippe. Ich betrachte deine zarten Hände und Füsse… und bedenke dabei, dass sie einmal mit Stricken gebunden und mit Nägeln ans Kreuz geheftet werden… oh Jesus, wie wunderbar gross war doch deine Liebe..“
Mitten in allem liegt Jesus mit verwundeten Händen und streckt sie mir, streckt sie uns entgegen und sagt: „ Ich weiss“. Was gibt es da noch mehr zusagen.
Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber ich fand das vergangene Jahr anstrengend und persönlich bin ich manchmal schon an meine Grenzen gekommen und hab gedacht, wie soll das alles gehen, was kommt jetzt noch?
Doch dann kam mir immer wieder dieser Gedanke: ER ist grösser als alles. Er ist mehr als alles. ER ist mächtiger als alles, als aller Krieg, aller Wahn, alle Schuld und Unvollkommenheit, grösser als jedes Schicksal, jede Ohnmacht und jede Überforderung. ER ist grösser als alles und alle, weil ER sich klein gemacht hat. So klein, dass ER als Kind mit verletzten Händen in einer Krippe liegt zwischen den zusammengewürfelten Figuren des Lebens. Seine verbundenen Arme weit ausbreitet. „Wie wunderbar gross ist doch deine Liebe.“
Die Krippe von Walterswil ist nicht schön im kunsthistorischen, ästhetischen Sinn, aber sie ist für mich wunderschön im Sinne von dem was eine Krippe sagen soll: Gott ist Mensch geworden mittendrin in dem was eben nicht passt und unvollkommen ist. Gott ist Mensch geworden mittendrin.

Ich wünsche uns für das kommende Jahr, dass wir uns den ausgebreiteten, verwundeten Armen Jesus anvertrauen. Uns und unsere Welt, unsere Beziehungen und Familien. Und wie es im Gebet meiner Kindheit weiter heisst: „Siehe alles was ich bin und habe, alle meine Gedanken, meine Worte und meine Werke, meine Freuden und mein Leiden lege ich dir zu Füssen und bitte dich, nimm sie mit Wohlgefallen an. Erhebe machtvoll deine kleine Hand und segne mich…..“

In diesem Sinne wünsche ich euch ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr. Danke für eure Verbundenheit mit uns, für alle Gebete und alles Wohlwollen.
Pace e bene
Bruder Christoph-Maria ofm, Kustos